Vier Haltungen im Alltag

Emergetische Pädagogik

Emergetische Pädagogik fragt, worin ein Mensch gerade Halt findet und wie pädagogische Unterstützung daran anschließen kann. Die ersten vier Haltungen werden hier an Situationen mit Kindern erklärt. Ihre Antworten zeigen, ob unsere Hilfe passt; die Haltungen sind keine festen Altersstufen.

Von Christoph Jan Kramer

Ein Kind erkundet mit Christoph Jan Kramer und einer weiteren Erwachsenen Bausteine. Weiße Origami-Figuren.
Gemeinsames Handeln zeigt, welche Unterstützung ein Kind aufgreift.

Entwicklung begleiten

Halt geben und Antworten wahrnehmen

Ein Kind greift nach einem Gegenstand. Helfe ich zu früh, nehme ich ihm vielleicht den eigenen Versuch. Warte ich zu lange, wird die Anstrengung womöglich zu groß. Die emergetische Perspektive bezieht deshalb unser Handeln mit ein: Was zeigt das Kind, nachdem wir geantwortet haben?

Entwicklung betrifft auch die Bedingungen, die wir mitgestalten. Ein erreichbarer Gegenstand, eine verständliche Aufgabe oder mehr Antwortzeit können einen eigenen Versuch ermöglichen. Wir beschreiben zunächst, was wir sehen, bieten eine Deutung an und lassen uns von der nächsten Antwort korrigieren. Die Verantwortung für Versorgung und Schutz bleibt bei den Erwachsenen.

Vorsozial-instinktive Haltung

Sitzendes Baby als weiße Origami-Figur zur vorsozial instinktiven Haltung.

Bedürfnisse finden Antwort

Resonanzfeld
Liebe
Form
Bedürfnis

In der vorsozial-instinktiven Haltung gewinnt das Bedürfnis im unmittelbaren körperlichen Erleben seine Form. Hunger oder Müdigkeit können die ganze Situation bestimmen. „Vorsozial“ bedeutet dabei nicht beziehungslos: Schon ein Laut oder eine Bewegung verändert, wie die Bezugsperson antwortet.

Beim Wickeln oder Hochheben kündigen wir an, was folgt, und achten auf die Antwort. Wendet sich das Kind ab, kann eine Pause passen. Vielleicht braucht es aber auch eine andere Lage. Das zeigt sich erst im weiteren Kontakt.

Im AlltagSignale aufnehmen, zugewandt antworten und das Angebot an der Reaktion des Kindes prüfen. Unvermeidliche Wartezeit begleiten.

Unvermeidliches Warten begleiten wir mit vertrauter Stimme und Nähe. Wir schaffen keine Wartezeit, um Entwicklung zu erzwingen.

Körperlich-verschmelzende Haltung

Krabbelndes Kind als weiße Origami-Figur zur körperlich verschmelzenden Haltung.

Eigenbewegung aus vertrauter Nähe

Resonanzfeld
Leibliche Atmosphäre
Form
Körper

In der körperlich-verschmelzenden Haltung wird der eigene Körper im Kontakt mit der Umgebung vertrauter. Getragenwerden und Berührung geben Halt; an körperlichen Grenzen wird die eigene Reichweite spürbar. Die Eigenbewegung eröffnet einen anderen Zugang: Das Kind richtet sich selbst auf etwas aus und erlebt, dass sein Beitrag die Situation verändert.

Streckt es sich auf dem Schoß nach einem Becher, können wir den Becher erreichbar machen und den Halt anpassen. Wir übernehmen den schwierigen Anteil, ohne die ganze Handlung vorwegzunehmen. Ob das Kind greifen, näher hinsehen oder etwas anderes versuchen will, bleibt an seiner Antwort zu prüfen.

Im AlltagEinen Gegenstand erreichbar machen und so unterstützen, dass die eigene Bewegung etwas bewirkt. Auch die Rückkehr zur Nähe gehört dazu.

Auch mit einem Hilfsmittel oder einer unterstützenden Hand kann ein eigener Beitrag wirksam werden.

Selbstorientiert-impulsive Haltung

Hockendes Kind mit geballter Faust als weiße Origami-Figur zur selbstorientiert impulsiven Haltung.

Mein Wollen trifft auf dich

Resonanzfeld
Ich-Setzung
Form
Antrieb

In der selbstorientiert-impulsiven Haltung bekommt das eigene Wollen Gewicht. „Alleine“ oder „Nein“ machen einen Antrieb für andere verständlich. Im Streit um eine Schaufel begegnen sich deshalb zwei Anliegen. Beide brauchen einen Platz; die Grenze des anderen bleibt wirksam.

Ein Kind kann eine Regel erklären und sie im aufgeregten Spiel trotzdem noch nicht nutzen. Ein kurzer, konkreter nächster Schritt ist dann eher zugänglich als eine lange Erklärung. Bei großer Aufregung sorgen wir zunächst für Schutz und helfen, wieder ansprechbar zu werden.

Im AlltagDas Anliegen verstehen, Verletzungen verhindern und einen Wechsel konkret vereinbaren und ankündigen: Eine Ladung Sand noch, dann wird gewechselt.

Wir prüfen anschließend, ob die Vereinbarung für beide Kinder verständlich war und ob das laufende Spiel tatsächlich geschützt blieb.

Gemeinschaftsbestimmt-konformistische Haltung

Drei weiße Origami-Personen zur gemeinschaftsbestimmt konformistischen Haltung stehen nebeneinander; eine legt die Hand auf eine Schulter, eine andere zeigt nach vorn.

Dazugehören mit Spielraum

Resonanzfeld
Soziale Erwartbarkeit
Form
Rolle

In der gemeinschaftsbestimmt-konformistischen Haltung geben gemeinsame Gewohnheiten und erkennbare Aufgaben dem Zusammenleben Halt. In einer Rolle erlebt das Kind, dass andere mit seinem Beitrag rechnen. Zugehörigkeit wird durch Mitwirkung erfahrbar.

Die zuverlässige Helferin verteilt jeden Morgen das Material. Das kann Freude machen und verlässlich werden. Wird sie aber selbstverständlich immer gefragt, bleibt vielleicht kaum Zeit für ihr eigenes Spiel. Auch unser Lob und unsere Bitten tragen dazu bei, wie eng eine Rolle wird.

Im AlltagAufgaben gemeinsam verteilen. Ein Nein oder eine andere Meinung bekommt Platz, während die Beziehung zugewandt bleibt.

Regeln erläutern wir an ihrem Sinn und prüfen, wem sie Beteiligung ermöglichen. Unterschiedliche Beiträge dürfen zum Gemeinsamen gehören. Ein Nein muss die Zugehörigkeit nicht beenden.

Was das Haltungsmodell erklären kann

Die Haltungen beschreiben unterschiedliche Weisen, Erfahrung zu ordnen. Sie sind keine feste Alterstabelle und keine diagnostischen Etiketten. Aus einer einzelnen Reaktion lässt sich ein Kind keiner Haltung zuordnen. Sein körperliches Befinden, die Beziehung und die konkrete Umgebung gehören zur Betrachtung.

Auch innerhalb einer Haltung kann ein Mensch viel lernen und sicherer handeln. Eine schwierige Situation kündigt keine Haltungserweiterung an. Schmerzen, Erschöpfung oder eine unverständliche Aufgabe brauchen eine passende Antwort. Mehr zum Unterschied zwischen Lernen und Haltungserweiterung unter Haltung verstehen.

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